Traumaarten

Was ist ein Trauma? Welche Arten von Trauma gibt es?


Wenn Menschen  von Trauma sprechen,  wird darunter meist ein belastendes Ereignis verstanden. Im psychologischen Sinn allerdings ist Trauma nicht das belastende Ereignis selbst, sondern das Resultat eines belastenden Ereignisses: ein Mensch, der eine als überwältigend empfundene Erfahrung erlitten hat und diese nicht in sein Leben integrieren kann, trägt die seelische Wunde dieser Erfahrung, das Trauma, in sich. Besondere Bedeutung beim Erleben der traumatischen Erfahrung kommen den Gefühlen von Ausgeliefertsein, Überwältigtwerden, Ohnmacht und Hilflosigkeit zu. Wie belastend etwas empfunden wird, ist individuell verschieden. Ein und dasselbe Erlebnis kann sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Was für die einen überwältigend ist, ist für andere schwer, aber weit weniger einschneidend.
Die Fähigkeit zur Integration/Verarbeitung hängt von den vorhandenen inneren und äußeren Ressourcen ab. Vor allem braucht es Zeit, Geborgenheit und menschliche Zuwendung, um von einem Psychotrauma zu genesen. Jemand, der gut entwickelte Möglichkeiten hat, auf unterschiedliche und auch schwierige Situationen flexibel zu reagieren und viele Kräfte zu mobilisieren, wird längerfristig eher mit einer überwältigenden Erfahrung  zurecht kommen als ein Mensch, der bereits vorbelastet ist. Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die belegen, dass ein vorbelasteter Mensch ein höheres Risiko der (weiteren) Traumatisierung hat. Wer sich von einem traumatischen Erlebnis nicht erholt, trägt in sich weiterhin den traumatischen Stress/die traumatische Belastung.
Nach Naturkatastrophen oder Unfällen erkranken ca. 6-8% der Betroffenen an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS); nach Traumatisierungen durch Mitmenschen ca. 45-65% . Die durch Mitmenschen verursachte Gewalt führt also wesentlich öfter zu schwerwiegenden andauernden Folgen seelischer Verletzung.  Statistisch führt Gewalterfahrung durch Mitmenschen oft zu fremdaggressivem Verhalten, d.h. Opfer von Gewalt üben selbst Gewalt gegen anderen aus; das Erleben von sexualisierter Gewalt führt oft zu selbstaggessivem Verhalten. Das bedeutet, eine nicht behandelte Traumatisierung kann zu einem Kreislauf von Gewalt führen.

Monotrauma

Traumatische Ereignisse brechen in das alltägliche Leben ein und können uns buchstäblich von den Füßen reißen. In dieser Weise werden z.B. Naturkatastrophen, Unfälle, Gewalterfahrungen erlebt. Solche einmaligen Erfahrungen können ein Monotrauma verursachen.
Unser Gehirn ist plastisch, das heißt es verändert sich ständig. Jede Erfahrung wirkt sich in unserem Gehirn aus. Deshalb gräbt sich eine traumatische Erfahrung, die nicht verarbeitet werden konnte,  in Gehirn und Nervensystem ein und verändert die neuronalen Struktur. So wird das Trauma im Unbewussten verankert und dort herrschen andere Gesetze der Wirklichkeitskonsturktion. Es gibt keine Zeitgrenzen, das Trauma bleibt gegenwärtig, als sei es in der Zeit eingefroren. Jegliche Form von Erinnerungen das Erlittene, auch die Erinnerung an vermeintlich ganz unwesentliche Details, aktiviert das Geschehene, als finde es gerade jetzt statt. Als Antwort auf eine Belastung, , erfolgt automatisch eine der drei Verteidigungsreaktionen, die uns bei vermeintlichen oder tatsächlichen Gefahrsituationen zur Verfügung stehen: Kampf/Angriff, Flucht/Sich-Verstecken, Totstellen/Abschalten. Oft steht die Reaktion in einem Missverhältnis zum auslösenden Anlass. Für Außenstehende ist das Verhalten oft nicht nachzuvollziehen. Und oft wissen die Betroffenen selbst nicht, warum sie so „empfindlich“ oder so „stur“ reagieren. Allerdings hilft es auch wenig, intellektuell zu begreifen, dass eine Verhaltensweise unangemessen oder überzogen ist. Die automatischen Reaktionen laufen am kognitiven Steuerungszentrum vorbei.

Entwicklungstrauma/Komplexe Traumatisierung

Was im Abschnitt „Monotrauma“ über die neuronalen Veränderungen durch traumatische Erlebnisse gesagt worden ist, gilt in gleicher Weise entsprechend für Entwicklungstrauma/Komplexe Traumatisierungen. Wobei die Folgen hier noch schwerwiegender sind – denn je geringer die Entwicklung von Hirn- und Ichstrukturen zum Zeitpunkt des Ereignisses, umso nachhaltiger die Folgen.

In unserer heutigen westlichen Gesellschaft vermutlich gegenwärtiger als Monotraumen, sind komplexe Traumatisierungen aufgrund von Entwicklungstraumata (hier können Sie vertieft weiterlesen…).
Wir werden mit einem unfertigen Gehirn geboren und brauchen für das Erlernen von Emotionskontrolle, einer gesunden Selbstwahrnehmung sowie Vertrauen in unsere Fähigkeiten und die Sicherheit unserer Umgebung, eine stabile und sichere Bindung zu den Eltern/ Bezugspersonen. Eltern/ Bezugspersonen, die z.B. selbst traumatisiert, suchtkrank, verängstigt, emotional abwesend oder überwiegend mit sich selbst beschäftigt sind, können dem Säugling und Kleinkind nicht spiegeln, dass es sicher und geliebt ist. Bereits während der Schwangerschaft kann der Embryo traumatisierenden Belastungen mit entsprechenden Folgen ausgesetzt sein.
Das Erleben des Kindes, in seinem Sosein nicht angenommen und wahrgenommen zu sein, ist ein hoher Belastungs- und Stressfaktor, der Traumata verursacht. Die Belastung steigt, wenn in der Familie z.B. Gewalt herrscht. Die Entwicklung des Gehirns wird gestört. Da die Reifung des Gehirns ein aufeinander aufbauender Prozess ist, lösen Störungen in einer bestimmten Entwicklungsphase einen Dominoeffekt aus und wirken sich zwangsläufig auf weitere Entwicklungsphasen aus. Die neuronale Architektur, die Körperchemie und genetische Struktur (Stichwort Epigenetik) tragen von Anfang an den Stempel der erlittenen Traumata. Da die Emotionskontrolle und -verarbeitung nicht hinreichend ausgebildet werden konnte, folgt daraus auch eine hohe Anfälligkeit für weitere Traumatisierungen sowie körperliche Erkrankungen. Hier gilt ebenfalls, dass bei als belastend empfundenen Auslösern  die automatischen Muster Kampf/Angriff, Flucht/Sich verstecken, Totstellen/ Abschalten ablaufen.
Bei jeder Form von Traumatisierung ist wichtig zu begreifen und anzuerkennen, dass es nicht eine Frage das Sich-Zusammenreißens oder der Willenskraft ist, mit den Traumafolgen fertig zu werden. Das Gehirn hat sich als Folge der Erfahrung geändert und die Reaktionen laufen automatisch ab, sie lassen sich NICHT intellektuell steuern.

Warum ist der Unterschied wichtig?

Für die Behandlung von Traumata ist die Unterscheidung zwischen Monotrauma und chronischer Traumatisierung in der Entwicklung eines Kindes von entscheidender Bedeutung. „Chronische Traumatisierungen in der Kindheit führen zu völlig anderen psychischen und biologischen Adaptionen als das Erleben einzelner traumatischer Situationen im Erwachsenenenalter.“*) Das bedeutet, traumatherapeutische Methoden sind unterschiedlich wirksam. Was bei monotraumatischen Traumafolgen heilsam ist, ist das nicht in gleichem Maßa bei Entwicklungstraumata. Auch unterscheidet sich meist die Dauer der notwendigen Behandlungen nicht unerheblich. In Studien wurde z.B. festgestellt, dass die bei Traumata verwendete Methode EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing; auf Deutsch: Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung) bei Monotraumen große Wirksamkeit zeigt und heilt, der Heilungserfolg bei komplexen Traumatisierungen jedoch wesentlich geringer ausfällt . **)

„Frühe schlechte Behandlung wirkt sich negativ auf die Entwicklung des Gehirns aus, mit dauerhauft negativen Folgen. Unser Gehirn wird durch frühe Erlebnisse geformt. Schlechte Behandlung wirkt wie ein Meißel, der das Gehirn so formt, dass es mit seinen Blessuren fertig werden kann, allerdings um den Preis tiefer dauerhafter Verletzungen. Über Missbrauch und Misshandlungen in der Kindheit kann man nicht „hinwegkommen“. Wir müssen dieses Übel als gegeben ankennen und uns mit ihm konfrontieren, wenn wir am ungebremsten Kreislauf der Gewalt in diesem Land etwas ändern wollen.“
Martin Teicher in: Scientific American

Die Auswirkungen von Entwicklungstraumata werden nach wie vor unterschätzt. Bessel van der Kolk, einer der weltweit führenden Traumatologen, spricht in diesem Zusammenhang von einer „verborgenen Epidemie“.

* Bessel van der Kolk, Verkörperter Schrecken, S. 304
**) 73% bei Monotraumen, 25% bei in der Kindheit Traumatisierten, Bessel van der Kolk ebenda.